Ob Violette es schon immer gewusst hat?
Ein veritables Wiesenwunder ist in einem kleinen
Gartenkeller
anzutreffen. Eine Wiese, so hoch wie es sie eigentlich nur in unseren
Erinnerungen an die Kinderzeit gibt. Strahlender Sonnenschein und
ein Spazierung durch diese Wiese lassen primär ein glückliches
Lebensgefühl zum Ausgangspunkt dieses Kunstwerks werden. Dort
wiegen sich Kerbel und Margeriten, wippen Grasblätter im Wind,
knicken die Halme unter dem Schritt der Künstlerin. Eine Farborgie
aus frischem Grün, Gelb und Weiss wirkt im miefigen Raum ausgesprochen
paradox, ebenso die niedrige Decke im Kontrast zum luftig heiteren
Himmel an der Wand. Etwas Orgiastisches hat das ziellose traumwandlerische
Umherstreifen, das die Augen gebannt verfolgen. Wir taumeln mit
durch die Wiese, verlieren uns und schwelgen in paradiesischer Natur
pur. Thematisch und subjektiv bringt Chantal Michel an die Person
Gebundenes in ihre Kunst ein. In einem ersten spontanen und intuitiven
Schritt suchte die Künstlerin mit dem Video ihre Bewegung,
das Licht und die Farben, ihre sinnlichen Eindrücke beim Schlendern
durch die Wiese festzuhalten. Die ohnehin schon starke Expressivität
des Bildmaterials erhöht die separate Vertonung mit einem rhythmisierenden
synthetischen Musikloop. Als Künstlerin versucht Chantal Michel
Zwängen und Konventionen des Kunstbetriebs vermehrt auszuweichen.
Auch ist das schiere sinnlose Sein in der Natur, wie Tiere und Pflanzen
es sollen - dürfen - können, für sie und ihr Lebensgefühl
elementar. Mit ihrer Kunst wagt sie es Blumen, Sonne und blauen
Himmel zu zeigen, auch ästhetisierend vorzugehen, wenn sie
dadurch ihre Gefühle bildlich genauer umsetzen kann. Die zugegebene
Existenz von Glück und Zufriedenheit im Künstlerleben
ist nicht eigentlich ein Thema der aktuellen Kunst, wo Ironie und
Zynismus, desillusionierende und moralisierende Sozialkritik sowie
der kunstgeschichtsinterne Diskurs überwiegen. Das Konvergieren
von Schönem und Angenehmem zu einem, wenn auch nur momentanen
Glücksgefühl stellt in grosso modo ein Tabu dar. Chantal
Michel entzieht sich in ihrer Freimütigkeit und Ehrlichkeit
auch diesem.
Text: Claire Schnyder Lüdi
30 Min. im Loop - 1997
wird als Installation gezeigt
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